Woanders sind hiesige Utopien schon längst Realität
ACHIM. Zu einer Vorführung des Dokumentarfilms „Cycling Cities“ (frei übersetzt: „Fahrradstädte") hatte der Kreisverband Verden des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) ins Kasch eingeladen.

ACHIM. Zu einer Vorführung des Dokumentarfilms „Cycling Cities“ (frei übersetzt: „Fahrradstädte") hatte der Kreisverband Verden des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) ins Kasch eingeladen. Der aus Baden-Württemberg stammende Journalist, Filmemacher, Autor und Fahrradaktivist Ingwar Perowanowitsch berichtet in seinem Film über eine zwei Monate dauernde Fahrradreise. Auf dieser schaute er sich zukunftsweisende städtische Mobilitätskonzepte an und sprach mit Verantwortlichen über die Maßnahmen. Seine Tour führte ihn von Freiburg aus über Paris, Gent, Amsterdam, Utrecht, Groningen, Hamburg nach Kopenhagen.
So vielfältig wie die Städte sind auch die umgesetzten Ideen und Konzepte: mehr Platz für Fußgängerinnen und Radfahrer, der Bau großzügiger, architektonisch eindrucksvoller Fahrradgaragen, die Verlagerung des Autoverkehrs auf um die Kommune herumführende Ringstraßen, die Schaffung von mehr Stadtgrün oder der Rückbau von mehrspurigen Autostraßen, verbunden mit aufwändigen Renaturierungsmaßnahmen. Dabei wurde deutlich, daß mehr Platz für den nicht-motorisierten Verkehr immer mit einem deutlichen Plus an Lebensqualität einhergeht. Worauf in Deutschland viele hoffen, ist woanders schon längst Realität und selbstverständlicher Alltag. Der Film läßt aber auch kritische Stimmen zu Wort kommen. Ein niederländischer Experte etwa ist der Ansicht, daß auch der Fahrradverkehr zu viel Fläche einnimmt und ein Teil dieses Platzes anderen Nutzungen zugeführt werden müsse, verbunden mit mehr Grün bzw. Aufenthaltsqualität.
Dies alles griff der ADFC im Anschluß an die Filmvorführung in einem Austausch mit den Zuschauerinnen und Zuschauer auf. Unter der Moderation des Kreisvorsitzenden Holger Löhmann ging es u. a. um Fragen wie: Warum gelten die von Ingwar Perowanowitsch vorgestellten Städte als besonders lebenswert? Sind die vorgestellten Städte Vorbilder für Kommunen im Landkreis Verden? Was ist erforderlich, um nicht-autozentrierte Mobilität auch hier in der Region umzusetzen?
Einige Gäste auf der ADFC-Veranstaltung bezweifelten, ob beispielsweise in Achim ausreichend für den Ausbau des Radverkehrs getan werde. „Wir sind auf einem guten Weg“, entgegnete der städtische Verkehrsplaner Stefan Schuster. Er verwies auf entsprechende Projekte nicht nur in Achim, sondern auch in Verden. Einig war man sich darin, dass noch sehr viel mehr Engagement und damit einhergehend deutlich mehr Geld für den Radverkehr erforderlich sei. Kritisiert wurde darüber hinaus u. a. die komplexe Gemengelage bzgl. der Zuständigkeiten bei Gemeinde-, Kreis-, Landes- und Bundesstraßen. Das mache die Konzeption eines vernünftigen Radwegenetzes nicht einfacher, wie Schuster meinte.
Mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer äußerten die Hoffnung, dass im anstehenden niedersächsischen Kommunalwahlkampf Aspekte einer zukunftsorientierten Mobilität eine prominentere Rolle als bei bisherigen Wahlen spielen werden. Dies versprach Bianca Kasakausky, die für die SPD für das Amt der Achimer Bürgermeisterin kandidiert. Sie betonte die Bedeutung des Radverkehrs und kündigte an, diesen stärken zu wollen.
Wer sich den Film noch einmal anschauen oder anderen empfehlen möchte: „Cycling Cities“ ist auf YouTube hinterlegt.
Statt Eintritt zu verlangen hatte der ADFC-Kreisverband um Spenden für die Arbeit von Ingwar Perowanowitsch gebeten. Zu dessen Schwerpunkten zählen die Themen „Klimakrise“, „Verkehrswende“ bzw. „fahrradgerechte Stadt“. 2024 fuhr er rund 5.000 Kilometer mit dem Rad zur Weltklimakonferenz in Baku (Aserbaidschan) und drehte hierüber einen Film. 2025 schließlich veröffentlichte er „Cycling Cities“ über einige vorbildliche Fahrradstädte Europas. Er hat drei Jahre in den Niederlanden gelebt, was seinen Blick für den Radverkehr geschärft haben dürfte.